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2015 · 2015-2022

Be My Eyes: Wenn ein Hilferuf eine Freiwilligen-Community aktiviert

Ausgangslage

Blinde und sehbehinderte Menschen benötigen in manchen Alltagssituationen kurzfristig visuelle Informationen, etwa beim Lesen einer Beschriftung, beim Finden eines Gegenstands oder beim Unterscheiden von Produkten. Ein klassischer Unterstützungsdienst müsste dafür Personal vorhalten oder die Hilfe auf bereits bekannte Personen begrenzen.

Der aus Dänemark stammende Gründer Hans Jørgen Wiberg entwickelte stattdessen die Idee eines verteilten Freiwilligennetzwerks. Be My Eyes veröffentlichte die erste iOS-Version am 15. Januar 2015. Ein blinder oder sehbehinderter Nutzer konnte über die App eine Videoverbindung zu einer verfügbaren sehenden Person anfordern, ohne vorab einen bestimmten Helfer auswählen zu müssen.

Der Interaktivierungsmechanismus

Ein konkreter Hilferuf löst die Suche nach einer passenden und aktuell verfügbaren Person aus. Spracheinstellungen und Verfügbarkeit begrenzen den Kandidatenkreis; eine angenommene Anfrage erzeugt eine direkte Audio- und Videoverbindung. Die Beschreibung der freiwilligen Person verändert anschließend die nächste Handlung des anfragenden Nutzers.

Die Community erzeugt damit keine bloße Sammlung vorab gespeicherter Hinweise. Sie stellt bedarfsabhängig menschliche Wahrnehmung bereit. Neue Hilferufe verändern die Allokation der verfügbaren Aufmerksamkeit, während Annahme oder Nichtannahme durch Freiwillige bestimmt, wie schnell und von wem Unterstützung geleistet wird.

Was sich am Wertschöpfungsmodell verschiebt

Be My Eyes organisiert eine Plattform zwischen Hilfe suchenden Personen und einer großen Zahl freiwilliger Helfer. Die Plattform stellt Matching, Kommunikation, Regeln und Reichweite bereit; die eigentliche visuelle Interpretation wird in der ursprünglichen Variante durch Community-Mitglieder produziert. Dadurch kann ungenutzte Aufmerksamkeit in eine kurzfristig abrufbare Assistenzleistung übersetzt werden.

Das ist ein interaktiviertes Wertschöpfungsmodell, aber nicht ohne Weiteres ein klassisches Erlösmodell. Die Kernhilfe wurde als kostenloser Dienst beschrieben. Spätere Unternehmensangebote und KI-gestützte Funktionen bilden zusätzliche Entwicklungsstufen und dürfen nicht rückwirkend als Geschäftsmodell des Starts von 2015 ausgegeben werden. Auch die Freiwilligenarbeit belegt keine bestimmte gemeinnützige Rechtsform.

Belegte Wirkung und Grenzen

Der Unternehmensrückblick vom 20. Januar 2021 belegt die Entstehung in Dänemark, den Starttag und den ursprünglichen Netzwerkgedanken. Darin genannte Registrierungs- und Communityzahlen sind Anbieterangaben. Für den Mechanismus genügt der unabhängig dokumentierte Betrieb: Eine 2016 auf der ACM-Konferenz PETRA vorgestellte Untersuchung beschreibt die kostenlose Video- und Audiovermittlung zwischen blinden Nutzern und ungeschulten Freiwilligen.

Die Studie befragte 30 blinde Nutzer. Sie fand Einsatzfelder wie Textlesen, Gegenstände finden und Einkaufsunterstützung, dokumentierte aber auch Verzögerungen, Verbindungsprobleme und Datenschutzbedenken. Die kleine, selbstselektierte Stichprobe erlaubt keine Aussage über die Gesamtwirkung oder langfristige Nutzung. Sie bestätigt jedoch, dass der Dienst nicht nur angekündigt war, sondern im Alltag genutzt wurde.

Weitere Grenzen folgen aus dem Modell selbst. Freiwillige sind nicht zwingend fachlich geschult, Anfragen können sensible Informationen zeigen und Videoassistenz setzt Verbindung, Kameraführung und Vertrauen voraus. Be My Eyes ergänzt daher professionelle Assistenz und barrierefreie Produktgestaltung, ersetzt sie aber nicht automatisch.

Einordnung im Atlas

  • Klassifikation: europäisches Community- und Assistenzmodell
  • Ereignisdatum: Veröffentlichung der ersten iOS-App am 15. Januar 2015
  • Status: etabliert und später um Unternehmens- sowie KI-Angebote erweitert
  • Interaktivierungsmechanismus: Hilferuf, Sprache und Verfügbarkeit bestimmen das Matching; die Antwort verändert die nächste Nutzerhandlung
  • Abgrenzung: ursprünglicher kostenloser Freiwilligendienst, keine Gleichsetzung mit gemeinnütziger Rechtsform oder späterem B2B-/KI-Modell

Verwandte Fälle

  • giffgaff – Community-Mitglieder übernehmen Teile von Support und Produktentwicklung.
  • Zooniverse – verteilte Freiwilligenarbeit verändert wissenschaftliche Produktion.

Quellen

  1. Be My Eyes, „Six Years of Be My Eyes“, Unternehmensrückblick mit Startchronik; veröffentlicht am 20. Januar 2021Direkte Quelle ↗
  2. Mauro Avila, Katrin Wolf, Anke Brock und Niels Henze, „Remote Assistance for Blind Users in Daily Life: A Survey about Be My Eyes“, PETRA ’16; veröffentlicht 2016, Archivfassung eingereicht am 10. Juni 2016Direkte Quelle ↗