interaktivierung.net
← Alle Fälle
2010 · 2005-2014

Friendsurance: Wenn Schadenverläufe den gemeinsamen Bonus verändern

Ausgangslage

Bei einer klassischen Versicherung zahlt jeder Versicherte eine festgelegte Prämie. Das Versicherungsunternehmen bündelt die Risiken, reguliert Schäden und behält einen verbleibenden Überschuss im Rahmen seines Geschäftsmodells. Das Verhalten anderer einzelner Kunden ist für den eigenen sichtbaren Rückfluss normalerweise nicht unmittelbar nachvollziehbar.

Das Berliner Unternehmen Friendsurance startete am 24. März 2010 mit einem Peer-to-Peer-Versicherungsmodell. Versicherte mit derselben Versicherungsart wurden in kleine Gruppen zusammengeführt. Ein Teil der durch eine höhere Selbstbeteiligung möglichen Beitragsersparnis floss in einen gemeinsamen Topf. Kleine Schäden wurden daraus gedeckt; blieb Geld übrig, erhielten Gruppenmitglieder im Folgejahr einen Schadensfrei-Bonus.

Der Interaktivierungsmechanismus

Die zentrale Rückkopplung liegt im tatsächlichen Schadenverlauf. Jeder gemeldete und anerkannte Kleinschaden reduziert den gemeinsamen Topf und damit den möglichen späteren Bonus der Gruppe. Wenige oder keine Schäden erhöhen den verbleibenden Rückfluss. Größere Schäden beziehungsweise eine Unterdeckung werden durch den klassischen Versicherer oder eine zusätzliche Absicherung aufgefangen, sodass der Peer-Pool nicht die vollständige Versicherung ersetzt.

Nutzerhandlungen und reale Ereignisse verändern damit die spätere wirtschaftliche Zuteilung. Die Gruppe produziert kein Versicherungsprodukt im engeren Sinn, beeinflusst aber durch ihren kollektiven Verlauf, wie viel des reservierten Betrags an die Mitglieder zurückfließt. Dies geht über eine digitale Abschlussstrecke hinaus: Das Ergebnis bleibt nach Vertragsbeginn offen und wird durch Signale aus der Versichertengemeinschaft bestimmt.

Was sich am Wertschöpfungsmodell verschiebt

Friendsurance verband ein klassisches Versicherungsprodukt mit einer kooperativen Risikoschicht. Das Unternehmen trat als Makler und Plattform auf, gruppierte Versicherte und organisierte Pool, Bonus und Rückversicherung. Der wirtschaftliche Anreiz wurde dadurch teilweise vom bilateralen Verhältnis zwischen Kunde und Versicherer auf eine kleine Gemeinschaft verlagert.

Die Plattform monetarisierte Vermittlung und Verwaltung, während das Risikoverhalten der Gruppe den sichtbaren Kundennutzen veränderte. Für den Atlas ist entscheidend, dass Allokation und Rückzahlung nicht vollständig vorab feststanden. Der Verlauf der Beteiligten steuerte die nächste finanzielle Entscheidung des Systems.

Belegte Wirkung und strategische Weiterentwicklung

Eine Friendsurance-Mitteilung zum zehnten Jahrestag bestätigt Gründung und Einführung des Peer-to-Peer-Modells im März 2010. Das Unternehmen bezeichnete 2020 zugleich den Übergang von einem B2C-Schwerpunkt zu digitalen B2B2C-Bancassurance-Lösungen als strategische Entwicklung. Seit 2017 beziehungsweise 2018 bot es Banken und Versicherern modulare Plattformdienste an. Der heutige Unternehmensauftritt stellt diese Bancassurance-Plattform in den Mittelpunkt.

Swiss Re beschrieb das Friendsurance-Modell 2020 unabhängig: Versicherte gleicher Sparte werden in kleinen Gruppen gebündelt; der Pool trägt kleinere Schäden, ein Rest wird als Cashback verteilt, und eine Stop-Loss-Lösung begrenzt das Risiko. Eine wissenschaftliche Analyse in den Geneva Papers untersuchte im selben Jahr den ökonomischen Wert des Maklermodells für Peer-to-Peer-Versicherungen.

Diese Quellen belegen Mechanismus und spätere strategische Verschiebung. Sie belegen jedoch nicht, dass das ursprüngliche Peer-to-Peer-Angebot heute unverändert den Schwerpunkt des Unternehmens bildet. Der Atlas führt Friendsurance deshalb als wichtigen realisierten Interaktivierungsfall mit anschließender Weiterentwicklung, nicht als unveränderten aktuellen Marktstandard.

Einordnung im Atlas

  • Klassifikation: realisiertes europäisches Peer-to-Peer-Versicherungsmodell mit späterer Schwerpunktverlagerung
  • Ereignisdatum: Unternehmens- und Modellstart am 24. März 2010
  • Status: weiterentwickelt; B2B2C-Bancassurance seit 2017/2018 ausgebaut
  • Interaktivierungsmechanismus: Gruppenschäden verändern Poolbestand und späteren Cashback
  • Abgrenzung: kein vollständig gegenseitiger Versicherungsverein; klassische Versicherer und Absicherung bleiben Teil der Risikotragung

Quellen

  1. Friendsurance, „Digital Bancassurance: Friendsurance Celebrates 10th Anniversary“, veröffentlicht am 24. März 2020Direkte Quelle ↗
  2. Friendsurance, Pressemappe mit Beschreibung des Schadensfrei-Bonus und der Gruppenlogik, Fassung vom 24. Mai 2019Direkte Quelle ↗
  3. Swiss Re Institute, „Insurtechs: Leading Digital Transformation in the Insurance Sector“, veröffentlicht 2020Direkte Quelle ↗
  4. Clemente und Marano, „The broker model for peer-to-peer insurance: an analysis of its value“, The Geneva Papers on Risk and Insurance; veröffentlicht am 20. April 2020Direkte Quelle ↗